Dr. Christian Vollmer im Interview

1.7.2020. Spanien wurde vom Ausbruch der Corona-Pandemie besonders hart getroffen. Der „Shutdown“ betraf auch den SEAT Produktionsstandort in Martorell. Doch der spanische Automobilhersteller, einer der größten Arbeitgeber Spaniens, reagierte schnell und stellte kurzerhand die Produktion auf die Herstellung mechanischer Beatmungshilfen um.

Dr. Christian Vollmer, Vorstand für Produktion und Logistik bei der SEAT S.A., gibt im Interview Einblicke in das Unternehmen, das auch die Coronakrise mit Kreativität und Mut bravourös gemeistert hat.

Herr Dr. Vollmer, wie schnell konnte die Fertigung mechanischer Beatmungshilfen aufgebaut werden?

Dr. Christian Vollmer: Wir hatten uns bereits Mitte März kurzfristig dazu entschieden, unsere Vormontagelinie des SEAT Leon für die Produktion mechanischer Beatmungshilfen anzupassen. Dafür haben wir einen rund 700 Quadratmeter großen Teil der Produktionsflächen so geändert, um binnen kürzester Zeit die OxyGEN genannten Beatmungshilfen produzieren und schnellstmöglich an Krankenhäuser in ganz Spanien ausliefern zu können. Etwa 150 Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen waren an der Produktion unmittelbar beteiligt.

Gab es Besonderheiten, die in der Fertigung der Beatmungsgeräte beachtet werden mussten?

Vollmer: Für SEAT war die Produktion mechanischer Beatmungshilfen völliges Neuland. Wie sagt man so schön: Not macht erfinderisch. In dieser Situation haben wir alle erlebt, was genau das heißt: Mit den uns für die Fertigung von Autos zur Verfügung stehenden Mitteln haben wir in kürzester Zeit medizinische Hilfsgeräte produziert. Das war per se eigentlich die größte Besonderheit an dieser Situation. Die mechanischen Beatmungshilfen bestehen aus mehr als 80 elektrischen und mechanischen Komponenten, die wir durch modifizierte Zahnräder aus dem 3D-Drucker, Getriebewellen und Scheibenwischermotor herstellen konnten. Ingenieure und Spezialisten aus unserem Prototypen-Team haben hier brillante Arbeit geleistet und perfekt mit dem Team in der Fertigung zusammengearbeitet.

Wie war die Stimmung in der Produktion zu dieser Zeit?

Vollmer: Von der Idee bis zur Umstellung der Produktion vergingen nach dem „Shutdown“ in Spanien nur wenige Tage. Quasi jeder Kollege hatte einen „Infizierten-Fall“ in der Familie oder im Freundeskreis. Die Stimmung war natürlich entsprechend angespannt. Was man aber auch beobachten und ganz deutlich spüren konnte: Alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen waren hochmotiviert und arbeiteten an einem gemeinsamen, klaren Ziel. Viele haben „durchgemacht“.

Wie haben die Menschen bei SEAT auf diese Umstellung reagiert? Ist man stolz hier einen Beitrag zum Allgemeinwohl beigetragen zu haben?

Vollmer: Vor allem der Zusammenhalt war beispielhaft – es gab in dieser Situation kein Wenn und Aber. Mit diesem Team und seinem Antrieb hätten wir jedes Problem lösen können. Es ist erstaunlich, welches Maß an Kreativität hier freiwurde. Die Anstrengungen waren ja auch von Erfolg gekrönt: Die Beatmungshilfen wurden sehr schnell von der spanischen Zulassungsbehörde für Arzneimittel und Gesundheitsprodukte offiziell freigegeben. Darauf bin nicht nur ich, sondern wir alle sehr stolz. Es war die großartigste Teamleistung, die ich bisher erlebt habe.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie das „Go“ bekommen haben?

Vollmer: Konkret hat es vom Bau des ersten Prototypen nur zehn Tage gedauert, bis die spanische Zulassungsbehörde die Geräte freigegeben hatte. 13 Prototypen waren bis zur Serienreife nötig, die wir in enger Abstimmung mit der Behörde bis zum Serienmodell weiterentwickelt haben. Nur zwei Tage nach der Zulassung waren die ersten der insgesamt 620 gefertigten Geräte bereits in Krankenhäusern erfolgreich im Einsatz.

Wie sah der Alltag an den Standorten Barcelona und El Prat de Llobregat aus?

Vollmer: Beide Standorte hatten sich an der Fertigung der mechanischen Beatmungshilfen beteiligt. Aus den beiden anderen Werken kamen ebenfalls wichtige der insgesamt rund 120 Teile wie etwa speziell angefertigte Schrauben, Federn, lasergeschnittene Bleche und Gehäuseteile.

Haben Sie die Geräte auch in andere Länder exportiert?

Vollmer: Nein, die Genehmigung für den Bau mechanischer Beatmungshilfen galt nur vorübergehend und nur spanienweit. Insgesamt 34 Krankenhäuser wurden mit den Geräten kostenlos ausgestattet.

Mit wem haben die Ingenieure bei SEAT für die Produktion der Beatmungsgeräte zusammengearbeitet?

Vollmer: Die OxyGEN genannte mechanische Beatmungshilfe ist quasi als freie Hardware der Firma Protofy.XYZ entwickelt worden. Unter der medizinischen Koordination der Ärzte Dr. Manel Puig Domingo (Untersuchungsinstitut Trias y Pujol), Dr. Oriol Estrada (Krankenhaus Trias i Pujol) und Dr. Josep María Nicolás (Krankenhaus Clínic) wurde es rund zwei Wochen lang weiterentwickelt. Am Industrialisierungsprozess waren unter der Leitung von SEAT verschiedene Partner beteiligt, darunter das Forschungsinstitut Germans Trias y Pujol (IGTP); CMCiB (Katalanisches Zentrum für Vergleichende Medizin und Bioimaging); Recam Laser; Doga Motors; Luz Negra; LCOE (offizielles zentrales Automatisierungslabor); Ficosa; Bosch; IDNEO; Secartys; Espiroflex und Gaso.

 

Dr. Christian Vollmer, Vorstand für Produktion und Logistik bei der SEAT S.A. (Foto: SEAT S.A.)


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